MATERIALDIALOG
DAS MATERIAL IN DER KUNST
Liebe Freunde der Kunst und der schöpferischen Prozesse,
in diesem Newsletter werde ich etwas über mein Kunst bzw. Materialverständnis schreiben.
Das Bewusstsein für das MATERIAL innerhalb des künstlerischen Prozesses ist relativ neu. Monika Wagner datiert das neu aufkommende Materialbewußtsein in ihrem grundlegenden Werk: “Das Material in der Kunst. Eine andere Geschichte der Moderne.” (C.H. Beck/ 2001) auf das Jahr 1969 mit der Ausstellung: “Wenn Attitüde Form annimmt” in Bern. Die Aufwertung des physischen Materials gegenüber dem “nur” visuellen Bild erklärt sie so: “Das Bild, daß über die Massenmedien eine unvergleichliche Verbreitung erfährt, wird in den Bereichen in denen Versprechen von Authentizität, oder Beglaubigung von Echtheit eine Rolle spielen durch physische Stoffe abgelöst.”
Über die Ursachen und Gründe weshalb das Material bisher vor allem als “Erfüllungsgehilfe” der FORM dienen mußte lohnt es sich einmal nachzudenken, auf eine interessante Spur gerät man wenn man sich den Wortstamm des Wortes MATERIE nämlich MATER=MUTTER bewußt macht.
Einer der Künstler die ein sehr ausgeprägtes Materialbewußtsein besaßen war NAUM GABO, weshalb ich ihn hier zitieren möchte: “Die Materialien spielen in der Plastik eine der wichtigsten Rollen. Die Entwicklung einer Plastik wird durch ihr Material bestimmt. Das Material bildet die emotionale Grundlage einer Plastik, es gibt ihr den Grundakzent und bestimmt die Grenzen ihrer ästhetischen Wirkung. Die Quelle dieser Tatsache liegt tief in der menschlichen Psyche verborgen. Unsere Bindung an die Materialien beruht auf unserer organischen Verwandtschaft mit ihnen. Auf dieser Artverwandtschaft gründet sich unsere Verbindung mit der Natur. Die Materialien stammen wie die Menschheit von der Urmaterie ab. Ohne diese enge Verbindung mit den Materialien und ohne dieses Interesse an ihrer Existenz wäre der Aufstieg unserer gesamten Kultur und unserer Zivilisation unmöglich gewesen.” (Naum Gabo/ 1937)
Dieses Zitat von Naum Gabo bringe ich hier an weil es meinem eigenen Verständnis von MATERIAL sehr nahe kommt. Als Künstler blicke ich anders auf die Welt der Materie als es zum Beispiel ein Chemiker tun würde. Für mich ist MATERIAL in erster Linie ein INFORMATIONSSPEICHER und RESONANZKÖRPER über den ich in einen DIALOG mit der mich umgebenden WELT treten kann …. in einen MATERIALDIALOG.
Mit welchem Material ich in einen DIALOG getreten bin und welcher PROZESS dabei entstanden ist werde ich im nächsten Abschnitt beschreiben.
Nach dem Kunststudium mußte ich Geld verdienen und habe deswegen im Forst gearbeitet. Mit der Zeit fiel mir auf welche Ehrfurcht meine Kollegen meist ältere Bauern einem besonderen Baum, nämlich der EICHE, entgegenbrachten. Es hat mich berührt und verwundert mit welcher Freude und Respekt diese “gestandenen Männer” der EICHE begegnet sind und ich begann mich für die Geschichte dieses Baumes zu interessieren, und zu recherchieren. Die EICHE hatte mich gefunden…. und ein DIALOG begann.
Eine der ersten schriftlichen Aufzeichnungen zur EICHE stammen von Plinius aus dem 1. Jahrhundert, er schrieb in seiner Naturkunde: “Die Früchte der Steineichen waren die erste und ursprünglichste Nahrung des Menschen….” Die Eiche galt als Symbol eines längst vergessenen “goldenen Zeitalters”, als “die Felder in Gemeinbesitz waren und die Fülle gleichbleibend war und es weder Eisen, noch Krieg, noch Zerstörung gab”.
Aber nicht nur bei den Römern sondern bei den verschiedensten Völkern galt die Eiche als heilig. Im alten Testament zum Beispiel offenbarte sich Abraham unter den “heiligen Eichen von Mamre”. Immer wieder errichteten Patriarchen des jüdischen Volkes steinerne Altäre unter diesen Baumheiligtümern.
Und auch den Kelten und Germanen war die EICHE heilig, aus dem keltischen Namen “dair” für EICHE ist das Wort “Druide” abgeleitet, die “Druiden” waren die geistigen Führer der Kelten. Der sich ausbreitenden Christianisierung waren diese heidnischen Baumkulte und der Volksglaube ein “Dorn im Auge”, weshalb Bonifatius der “Apostel der Deutschen”, vom Papst mit der Mission beauftragt die Germanen zu bekehren, im Jahr 723 beschloß ein deutliches Zeichen zu setzen und die Donareiche, das berühmteste germanische Baumheiligtum, fällte.
In der Folgezeit wurden viele alte heidnische Orte und Kulte in christliche umgewandelt, diese “Glaubensverquickung” geschah nach Plan, denn schon im 600 n. Chr. erkannte Papst Gregor der Große “dass die neugewonnenen Schäflein der Kirche von den Bräuchen um die alten Göttern nicht abließen.” Er verfügte daher, “daß man die Feste der Heiden allmählich christlich umwandeln solle und in manchen Themen nachahmen müsse”.
Die nächsten die die “alten Götter” wieder anriefen und zum Leben erwecken wollten um sie für ihre eigenen diabolischen Zwecke zu mißbrauchen und propagandistisch und manipulativ für ihre menschenfeindliche Ideologie auszunutzen waren die Nationalsozialisten. Man denke nur an die Feiern zur “Sonnenwende” die die Nazis für ihre Absichten instrumentalisiert haben oder an die Hybris der sogenannten “Hitler-Eichen”.
Und so führt mich mein DIALOG mit der Eiche zurück in die Gegenwart, zu meiner persönlichen Biographie, die auch eine Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte bedeutet. Dabei geht mir ein Zitat von Pater Anselm Grün nicht aus dem Sinn: “Nur wer seine Wurzeln kennt, kann wachsen”.
Ich arbeite als bildender Künstler und bin kein Schriftsteller, Historiker oder Philosoph. Meine Materialien um mich an dieser Thematik abzuarbeiten, anzunähern, in Resonanz zu treten und zu integrieren, Fragen zu stellen an mich und die Welt, an die Vergangenheit und die Zukunft sind Eiche, Eisen und Leder.

Ich hoffe dieser erste Einblick in meine “Kunstwelt” war für dich interessant und vielleicht sogar inspirierend. Wenn dich dieses „Thema“ interessiert kannst du mir gerne deine Gedanken mitteilen oder mich in meiner Werkstatt besuchen. Und falls du Lust bekommen hast deinen eigenen, individuellen MATERIALDIALOG zu beginnen darf ich dich zu dem Workshop “MATERIALPROZESSE 3” vom 02.-06.03.2026 an der EMK in Freiburg-Munzingen einladen. Mehr Infos zu mir und dem Workshop findest du auf meiner Website oder unter www.bildhauer-kunststudium.com
In diesem Sinne wünsche ich Dir ein gutes “ankommen” im Jahre 2026 und eine kreative und inspirierte Zeit!
Liebe Grüße
Sven





beautiful. I read it translated to english.